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Rezension: Verpasst, verschwiegen, werbetechnisch vergeigt – und überraschend gut

COME_IN_RezensionWer in der LesBiSchwulen “Szene” aktiv ist, bekommt neue gute Filme fast automatisch über die sozialen Netzwerke und Mundpropaganda serviert. Bei “Coming in” blieb die Gemeinschaft aber still – ich erfuhr eher zufällig und nebenher davon, las mir die Beschreibung durch, schaute mir den Trailer an und schloss mit dem Thema auch wieder ab. Zu plakativ, auf Stereotypen pochend und wahrscheinlich nur Klamauk auf Kosten der Schwulenbewegung, so mein Eindruck. Nur ein winziges Detail störte mich, das ich aber nicht weiter ernst nahm: Als Regisseur und Drehbuchautor war Marco Kreuzpaintner aufgeführt. In der Szene richtig bekannt geworden ist er 2004 durch seinen Film “Sommersturm”, der – von Rosenstolz vertont – gefühlt der erste schwule Film war, der breit in den Kinos lief und viele begeisterte. Wie kann sich so jemand plötzlich stereotypenreitend über Schwule lustig machen?

Meine Einleitung lässt es schon erahnen: Letztendlich war alles ganz anders. Durch einen Zufall kam ich gratis in den Film, sah ihn damit doch und geriet ins Grübeln. Die Charaktere sind zwar nicht bis zuletzt ausgefeilt – dies ist für eine Komödie wahrscheinlich auch nicht zwingend erforderlich – aber immerhin kommt die Botschaft gut rüber: Wie reagiert die LesBiSchwule Gemeinschaft, wenn man den Spieß mal umdreht? Wenn man die Tucke vor dem Herrn plötzlich hetero werden lässt? Schmeckt das nach Verrat? Für alles, was erkämpft wurde, mit Demonstrationen, politischen Debatten, gesellschaftlichen Aktionen, usw.? Fiebert man mit, er möge sich letztendlich doch für sein schwules Ich entscheiden, weil plötzlich die Seriosität der LesBiSchwulen Bewegung an dieser einen Person hängt? Wie stünden wir sonst vor den anderen, den Heteros da? Abgesehen von dem falschen Signal, Schwule könnten vielleicht doch wieder “umgepolt” werden!

Und hier liegt das Problem: Der Film zeigt wunderbar das Zwei-Kategorien-Denken in Homo und Hetero auf, den Kampf zwischen den Fronten. Er führt dabei das Monopol auf Coming-Outs auf schwuler Seite ad absurdum. Zugegeben, der Film manifestiert diese Fronten weiter, doch die versteckte Botschaft, für die man schon etwas Interpretationsgabe braucht, ist letztendlich, dass es eigentlich auf den einzelnen Menschen ankommt und darauf wie er fühlt. Dass nur der Einzelne allein Besitzer seiner Gefühle ist und wir aufhören sollten, anderen vorzuschreiben, was sie zu fühlen haben. Auf beiden Seiten! Bisexualität wird beispielsweise, ja fast schon auffallend, kein einziges Mal erwähnt. Dabei wäre es die simpelste Erklärung gewesen. Würde der Hauptdarsteller am Anfang des Films sagen: “Ich bin bi.”, wäre alles andere überflüssig und der Film wieder zu Ende. Aber diese Möglichkeit zieht im Film niemand, ja wirklich niemand in Betracht und genau so fristet Bisexualität neben vielen weiteren Identitäten ein Schattendasein.

Ist es vielleicht die versteckte Kritik, die die LGBT*-Gemeinschaft schweigen lassen hat? Der Seitenhieb, dass “wir” letztendlich kein Stück besser sind, als “die anderen”, mit ihrem pauschalisierenden Kategoriendenken? Es kann doch nicht sein, dass niemand aus der “Szene” den Film gesehen und verstanden hat!

Ja, der Film lässt genug Platz zum Meckern. Warum ausgerechnet ein Frisör – das Clichébild der Weiblichkeit des Schwulseins schlechthin? Warum die überzeichnet schwulen Charaktere? Warum der Titel “Coming in”, der auf Anspielung zum Coming-out mit den Begriffen “in” und “out” die Bekennung zur Heterosexualität besser wertet? Warum ausgerechnet als Komödie?

Auf die meisten Fragen lassen sich bestimmt gute Begründungen finden. Warum auch nicht darüber diskutieren und eigene Annahmen dabei selbst hinterfragen? Auf der anderen Seite hat der Film auch seine positiven Aspekte: Das Genre der Komödie ist gut getroffen und bei weitem nicht so platt, wie der Trailer vermuten lässt. Die Stadt Berlin wird in wunderbaren Bildern eingefangen, ähnlich großer amerikanischer Städte in einem Stil, den man sonst aus Hollywood kennt. Deutschland repräsentiert hier indirekt Weltgewandtheit und die Hauptstadt ihren Chic. Die Gesellschaft wird gut portraitiert und bekommt ihr Fett weg – gerade im richtigen Maß komisch und nicht übertrieben. Und das Wichtigste: Bei all den gezeigten Clichés und vielleicht auch gerade mit dem eher heterosexuellen Bevölkerungsanteil als Zielpublikum gibt es genug Stellen, die “typisch schwul” sind und dem Kinogänger mit jedem Mal ein bisschen mehr zeigen, dass sowas doch gar nicht so schlimm ist, wie man es sich immer vorstellt. Der Film vergrault niemanden, lädt dabei alle zum Lachen ein und ganz wichtig: Zum gemeinsamen Lachen.

Ich denke, dieser Streifen kann ein guter Beitrag dazu sein, dass sich Homos und Heteros einander annähern, vielleicht sympathischer finden und andererseits “wir Homos” auf eine bereits einsetzende Selbstverherrlichung aufmerksam gemacht werden, sowie auf eine Versteifung der Kategorien. In einer modernen Gesellschaft gibt es kein “Homo” und “Hetero” mehr, sondern jeder hat seine eigene Form zu lieben, wie auch immer sie gerade aussieht.
Und mal ehrlich, hätte ein Film genau so viel gebracht, der offensiv für die Anliegen “der Schwulen” wirbt, mit dem sich die Aktiven der Szene wieder die Schulter klopfen können, in den aber keiner derer rein geht, die eigentlich angesprochen werden sollten?
Schade, dass der Streifen mittlerweile wieder aus allen Kinos raus ist – und in viele Köpfe nicht rein ging. Das war eine echte Chance.