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Unser Sommerbuch: Arbeit und Streben (von Holger Siemann)

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Der Titel allein mag in der heutigen Zeit abschrecken. Er riecht nach Konservatismus, nach Spinnweben, trockener Materie und vielleicht auch etwas Sozialismus. Letztere Vermutung liegt gar nicht so fern. Trotz vermutet staubiger Thematik liest sich das Buch flüssig weg, obwohl man am Anfang erst mit einer ganzen Schar an Familienmitgliedern vertraut gemacht wird. Das erste Kapitel wirkt sogar offensichtlich wie einzig dafür geschrieben, wenn Oma Johanna rekapituliert, wer aus ihrer Familie eigentlich was zum geplanten Frühjahrsball beitragen soll. Dabei wirkt der Frühlingsball wie ein Superevent, mit dem jeder aus der Familie andere Ziele verfolgt. Parallel dazu gilt es, die Firma Schöne Plastik, deren Geschäftsführerin Mutter Christa ist, endgültig aus der Krise zu führen, als ein Großauftrag aus China anklopft.

Insgesamt versucht das Buch, alle Bereiche und Themen des Lebens und einer Familie gleichzeitig unter einen Hut zu bekommen, was relativ gut gelingt. Man hat lediglich das Gefühl, dass in der kurzen Handlungszeit von gerade einmal anderthalb Monaten viel zu viel passiert, zwei Autounfälle und eine Firmenübernahme inklusive. Christa lernt beispielsweise eine neue Liebe kennen, die sie kurz darauf schon wieder verliert. Oder doch nicht? Der Freund der Tochter Cornelia landet letztendlich fast unschuldig in einer kurzen Affäre mit Marek, dem Cousin von Cornelia, der länger schon Augen für Sebastian hat. Tochter Cornelia arbeitet derweil emsig daran, einen Posten im Stadtrat zu bekommen und auf weite Sicht sogar die Bürgermeisterin abzulösen. Oma Johanna freut sich auf einen Besuch des Sohnes ihres gefallenen Bruders, Eugen, der nun plötzlich Eugenia heißt und gar nicht mehr männlich aussieht, aber großes Interesse für die Geschäfte der Firma zeigt.  Diesen und einigen weiteren Handlungssträngen, die sich wild abwechseln, fiebert man nach und am Ende ist kaum noch etwas so, wie es am Anfang war. In weiteren Rollen: Eine zerbrochene Ehe, eine Tochter, die mit ihrem Freund durchbrennt, eine ganze Menge Börsenspekulation, die wie ein Damoklesschwert über der Fabrik hängt und eine alte Holzkiste mit Relikten aus der Vergangenheit.

„Vergangenheit“ ist insofern noch ein gutes Stichwort, als dass es ausreichend Rückblenden gibt, die geschichtlich prekäre Situationen anreißen, wie die NS-Zeit und den Sozialismus. Dabei wird dem Leser überlassen, eine Wertung zu finden. Mit all dem, was auf den 384 Seiten beschrieben, erzählt und angedeutet wird, würde ich das Buch als hervorragend bezeichnen, wenn auch zum Prädikat „Meisterwerk“ noch ein wenig fehlt. Lesen lohnt sich aber auf jeden Fall. Eine gute Portion Konzentration muss man dabei selbst mitbringen.