Unser Herbstbuch: Die Mitte der Welt (von Andreas Steinhöfel)

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Das Leben verläuft nicht linear und immer einer geraden Schnur folgend. Mit Erinnerungen ist es genauso. „Die Mitte der Welt“ erzählt aus dem Leben von Phil und all den Menschen um ihn herum und allein deshalb ist es schwierig, all den Inhalt in wenige Worte zu fassen. Ein sympathischer Spielmann sagte einmal, was man für das Ende einer Geschichte halten könnte, ist in Wahrheit schon der Beginn einer neuen. Auch Phil sucht an einigen Stellen nach dem Punkt, an dem alles angefangen hat. Also wo beginnt die Geschichte von der Mitte der Welt?

Der Roman selbst beginnt mit der Reise von Glass, Phils Mutter, von Amerika über England zum Schloss Visible und dort angekommen, mit dem Beginn von Phils Leben. Er endet damit, wie der 17-jährige Phil an Bord eines großen Frachtschiffes geht, um von Europa nach Amerika zu gelangen, dort einen neuen Abschnitt seines Lebens zu beginnen und nach seinem Vater zu suchen. Dazwischen passiert ähnlich viel, wie man selbst in den ersten 17 Jahren seines eigenen Lebens erlebt hat. Dabei scheint irgendwie alles miteinander zusammen zu hängen, aber dem kompletten Netz an Geschichten wird man erst am Ende gewahr. Bis dahin erfahren wir beispielsweise davon, wie Phil seine beste Freundin Kat in frühen Kindheitstagen im Krankenhaus kennengelernt hat, als er zur Angleichung seiner abstehenden Ohren unters Messer musste. Oder davon, wie er mit 14 Jahren auf eine Schiffsreise von Gable (einem Verwandten aus „einer entfernten Seitenlinie der Familie“) mitkommen durfte und im Mittelmeerraum ein eigenes erstes sinnliches Abenteuer erlebt. Oder davon, wie er und seine Zwillingsschwester Dianne sich am Fluss gegen eine Gruppe anderer Kinder aus seiner Klassenstufe verteidigen mussten, die sie wegen ihres Außenseiterstatus überfielen. So erhält man ein Puzzleteil nach dem nächsten, das man zunächst wahllos auf dem Boden der eigenen Vorstellungskraft verteilt. Parallel dazu sind die Sommerferien gerade zu Ende und bei einem Eis bereden Kat und Phil noch die Erlebnisse aus dem Sommerurlaub und die Geheimnisse um Phils Vater, als zum neuen Schuljahr Nicholas neu in die Klasse kommt und sich Phil schnell in ihn verliebt. Er hat ihn sogar vor Jahren schon mal in der Stadt gesehen – auch dazu gibt es eine Geschichte – und seitdem nie wieder. Zur Freude des mitfiebernden Lesers kommen die beiden zusammen, aber einige Zweifel bleiben Phil noch. „Frag ihn nie, ob er dich liebt“, gibt ihm Glass als Rat auf den Weg. Immerhin scheint es zunächst gut zu laufen, denn Nicholas kommt auch mit Kat gut klar und ganz vorsichtig erhält Phil einen kleinen Einblick in Nicholas‘ Geheimnisse. Einen zu kleinen, wie Phil findet. Immer mehr bekommt er das Gefühl, dass er nicht so sehr zu Nicholas vordringt, wie er gern würde. Ihm fehlt Nähe und Sicherheit. Gleichzeitig ist die Angst, zu schnell wieder verlassen zu werden, zu groß. Dass sich Nicholas und Kat dann sogar besser verstehen, als Phil zu denken vermochte (und doch insgeheim unterbewusst befürchtete), lässt ihn neben weiteren Hiobsbotschaften in einen dunklen Strudel fallen. Zuletzt – mittlerweile ist Winter und ein bedeutender Schauplatz ist eine weiße, von Schnee bedeckte Wiese – kommt es zu einem verhängnisvollen Vorfall, an dem Kats Exfreund Thomas und Phils früherer Schulfreund Wolf beteiligt sind. Zwischen Phil und Nicholas ist ab da an nichts mehr wie es war. Dafür werden die letzten Geheimnisse um seine Schwester Dianne und seine Mutter Glass gelüftet. Alles, was Phils Leben bis jetzt ausgemacht hat, scheint ins Wanken geraten zu sein. Immerhin kommt Phil am Ende nach längerem Hadern zu dem Schluss: „Noch immer glaube ich, den Boden unter meinen Füßen schwanken zu spüren, aber ich habe keine Angst mehr davor, zu stürzen. Es ist ein schönes Gefühl. Es ist das Gefühl von Leben in Bewegung“.

Unser Sommerbuch: Arbeit und Streben (von Holger Siemann)

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Der Titel allein mag in der heutigen Zeit abschrecken. Er riecht nach Konservatismus, nach Spinnweben, trockener Materie und vielleicht auch etwas Sozialismus. Letztere Vermutung liegt gar nicht so fern. Trotz vermutet staubiger Thematik liest sich das Buch flüssig weg, obwohl man am Anfang erst mit einer ganzen Schar an Familienmitgliedern vertraut gemacht wird. Das erste Kapitel wirkt sogar offensichtlich wie einzig dafür geschrieben, wenn Oma Johanna rekapituliert, wer aus ihrer Familie eigentlich was zum geplanten Frühjahrsball beitragen soll. Dabei wirkt der Frühlingsball wie ein Superevent, mit dem jeder aus der Familie andere Ziele verfolgt. Parallel dazu gilt es, die Firma Schöne Plastik, deren Geschäftsführerin Mutter Christa ist, endgültig aus der Krise zu führen, als ein Großauftrag aus China anklopft.

Insgesamt versucht das Buch, alle Bereiche und Themen des Lebens und einer Familie gleichzeitig unter einen Hut zu bekommen, was relativ gut gelingt. Man hat lediglich das Gefühl, dass in der kurzen Handlungszeit von gerade einmal anderthalb Monaten viel zu viel passiert, zwei Autounfälle und eine Firmenübernahme inklusive. Christa lernt beispielsweise eine neue Liebe kennen, die sie kurz darauf schon wieder verliert. Oder doch nicht? Der Freund der Tochter Cornelia landet letztendlich fast unschuldig in einer kurzen Affäre mit Marek, dem Cousin von Cornelia, der länger schon Augen für Sebastian hat. Tochter Cornelia arbeitet derweil emsig daran, einen Posten im Stadtrat zu bekommen und auf weite Sicht sogar die Bürgermeisterin abzulösen. Oma Johanna freut sich auf einen Besuch des Sohnes ihres gefallenen Bruders, Eugen, der nun plötzlich Eugenia heißt und gar nicht mehr männlich aussieht, aber großes Interesse für die Geschäfte der Firma zeigt.  Diesen und einigen weiteren Handlungssträngen, die sich wild abwechseln, fiebert man nach und am Ende ist kaum noch etwas so, wie es am Anfang war. In weiteren Rollen: Eine zerbrochene Ehe, eine Tochter, die mit ihrem Freund durchbrennt, eine ganze Menge Börsenspekulation, die wie ein Damoklesschwert über der Fabrik hängt und eine alte Holzkiste mit Relikten aus der Vergangenheit.

„Vergangenheit“ ist insofern noch ein gutes Stichwort, als dass es ausreichend Rückblenden gibt, die geschichtlich prekäre Situationen anreißen, wie die NS-Zeit und den Sozialismus. Dabei wird dem Leser überlassen, eine Wertung zu finden. Mit all dem, was auf den 384 Seiten beschrieben, erzählt und angedeutet wird, würde ich das Buch als hervorragend bezeichnen, wenn auch zum Prädikat „Meisterwerk“ noch ein wenig fehlt. Lesen lohnt sich aber auf jeden Fall. Eine gute Portion Konzentration muss man dabei selbst mitbringen.

Unser Frühlingsbuch: Rita Mae Brown – Jacke wie Hose

Keine_Bildcover_RechteUnterhaltsamer ist Geschichtsunterricht nie gewesen. Und berührender. Und lebendiger.

Die Geschichte zweier Schwestern, die permanent zanken und dennoch nicht ohne einander auskommen, wird über mehrere Jahrzehnte hinweg beleuchtet, wobei die Gesellschaft einer Kleinstadt genau an der Grenze zwischen Nord- und Südstaaten, Krieg, Prohibition und – natürlich – Schwulen- bzw. Lesbenrechte immer wieder alltägliches Thema sind. So erlebt man mit den Schwestern kindliche Streiche und das gewalttätige Niederschlagen eines Arbeiterstreiks, Schulabschlüsse und Kriegseintritt, und erfährt ganz nebenbei einiges über das Leben in der Mitte Amerikas von 1909 bis 1980.

Wie gewohnt ist Browns Sprache leicht und spielerisch, häufig ironisch und immer wieder sehr wahr. Ihre Charaktere sind alles besondere Frauen, wie die reiche, in einer mehr schlecht als recht verborgenen lesbischen Beziehung lebende Celeste und deren „Mädchen für alles“ Cora, deren zänkische Töchter Dreh- und Angelpunkt der Geschichte darstellen, ohne dabei wirklich in alle Erlebnisse verwickelt zu sein. Durch die katholische Gesinnung der einen Tochter werden Themen wie gleich-geschlechtliche Liebe, Alkohol und Sex vor der Ehe religiös diskutiert und Brown schafft es, den kirchlichen Begriff der Sünde immer wieder intelligent und ironisch der menschlichen Natur und dem gesunden Menschenverstand entgegenzusetzen und die heuchlerische Art der Glaubensschwestern in ihrem Verhalten zu spiegeln, ohne direkt darauf hinzuweisen.

Wieder in der Gegenwart (1980) angekommen, lässt das Buch uns erschöpft zurück, mit dem Gefühl, etwas sehr Wahres über das Leben gelernt zu haben, das sich nicht richtig in Worte fassen lässt. Tiefsinnig und trotzdem leicht fließend wie das Leben selbst.

Unser Winterbuch: Rita Mae Brown – Die Tennisspielerin

Keine_Bildcover_Rechte„Die Tennisspielerin“ erzählt von einer jungen Frau, deren Erfolge im Sport durch Gerüchte über ihr Liebesleben gefährdet werden. Beim Kampf gegen eine auf dem Platz ebenso starke Gegnerin werden psychologische Taktiken der Zermürbung wichtiger, je realistischer der größte aller Tennistriumphe, der Grand Slam, zu erreichen ist. Doch am Ende ist nicht nur der Grand Slam in Gefahr, sondern auch das ganze Leben des jungen Stars.

Durch eine detaillierte Darstellung aller Personen kommt der Roman etwas schwer in Gang, doch schnell hat Brown auch Tennisneulinge in ein atemloses Spiel hineingezogen, Kapitel und Abschnitte folgen rasant aufeinander wie die Aufschläge und am Ende bleibt man mit zittrigen Knien und erschöpft zurück, als hätte der Leser selbst die aufreibende Tennissaison hinter sich.

Das bereits 1984 in Deutsch erschienene Buch hat nichts von seiner Aktualität verloren. Die Umstände mögen sich gewandelt haben, ungefährlich ist das Coming-Out auch heute nicht, ebenso wenig wie das Wissen einer zur Gegnerin gewordenen Exfreundin. Doch neben diesem kritischen Potential verspricht „Die Tennisspielerin“ auch reinen Lesespaß – auch für Nichtsportler.

Unser Herbstbuch: Klaus Mann – Der fromme Tanz

© Rowohlt Verlag
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„‚Mein kleiner Andreas – ich weiß, du kannst mich nicht lieben – du liebst nicht die Frauen – wir wollen uns nichts vorlügen, wollen’s uns nicht leichter machen – aber gib mir deinen Mund.'“
Es ist wahrlich noch eine andere Sprache, die dieses Buch spricht. Eine Sprache, die es fertig bringt, von der ersten bis zur letzten Seite über die Erlebnisse eines Menschen zu schreiben, der sich in schillernden, teils travestiegeprägten Welten eine eigene Nische sucht, ohne auch nur einmal Worte, wie „homosexuell“ oder „schwul“ zu verwenden. Die oben zitierte Stelle ist es als einzige, an der die Orientierung von Andreas Magnus am deutlichsten zur Sprache gebracht wird. Es ist eine unschuldige Sprache – so unschuldig, wie unser Hauptcharakter im ersten Teil gezeichnet wird, daheim im väterlichen Hause, arbeitend an einem ersten großen Kunstwerk, mit dem Andreas seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden kann. Andreas, der selbst noch so unschuldig ist, wie der ganze Roman anfangs geschrieben wirkt in einer Sprache, die mittlerweile so fremd erscheint, dass es schwer fällt, sich mit dem Buch zu identifizieren, einen leichten Zugang zu finden. Darüber hängt fast drohend der Name Klaus Manns, ältester Sohn des großen Schriftstellers Thomas Mann. Auf die heutige Jugend mag das Werk abschreckend wirken. Sie identifiziert sich über andere Dinge. Überraschend wirkt derweil, dass ebenjenes Phänomen schon von Klaus Mann in die Gedanken des Andreas gelegt wird: Die „Jugend von heute“ ist zu jeder Zeit schon schwer zu fassen gewesen. Auch daran krankt Andreas im Versuch, seiner eigenen Generation einen Charakter zuzuordnen.Reichlich naiv, gepaart mit dem jugendlichen Drang, alles auf einmal zu erfassen, wirken Andreas‘ Gedanken zu Beginn des Werkes. Damit einher geht eine Verzweiflung, die ihn zunächst an die Böschung eines reißenden Flusses treibt, dann aber nach kurzer Besinnung immerhin noch fort von zu Hause und ins große Berlin! Hier ändert sich die Färbung des Romans frappierend. So wie Berlin auch heute noch von Ferne all jene anlockt, die von großer Karriere träumen, zeigt es ein hartes Gesicht, befindet man sich erst einmal inmitten des geschäftigen Großstadttreibens. Andreas durchlebt diesen Leidensweg, wird von den Umständen regelrecht in die Pension Meyerstein gespült und freundet sich dort mit den unterschiedlichen Bewohnern an. Dabei scheint ihn das Schicksal seiner Natur nach geleitet zu haben, denn ehe er sich’s versieht, steckt er inmitten der Berliner Travestie- und Schwulenszene der blühenden 20er Jahre, die allerdings aus mehr besteht als nur leuchtenden Scheinwerfern, Prosecco und beleibten Herren, die ihm Avancen machen. Hier schlägt sich Andreas einige Zeit durch, schließt viele Bekanntschaften und freundet sich mit Franziska an, durch die er anfangs erst aufgefangen wurde, als er wie ein Gestrandeter Bekanntschaft mit der Hauptstadt gemacht hat. Als die beiden beschließen, Urlaub in der Nähe von Dresden zu machen, lernt Andreas dort Niels kennen, in den er sich sofort verliebt. Doch Niels ist ein Charmeur vor den Frauen und denkt nicht daran, sich an Andreas binden zu lassen. Wo er sich zunächst den beiden Berlinern anschließt, um seinem bisherigen Leben und seiner fast-Adoptivmutter zu entkommen, so flüchtet er dann weiter, als er feststellt, dass es ihm auch in Berlin zu eng wird. Andreas reist ihm aus Liebe hinterher. Regelrecht clichéhaft wirkt es, dass nach der Szenestadt Berlin nun die Hamburger Reeperbahn, anschließend Köln und zuletzt die Stadt der Liebe, Paris, Stationen seiner Reise sind. Erst in Paris holt er Niels ein, muss dort jedoch abermals lernen, dass seine Liebe weiterhin unerwidert bleiben wird und Niels sich nicht zähmen lässt. Mit dem Beschluss von Andreas, aus Paris aufzubrechen, weiter in den Süden und dann von dort aus in den fernen Osten und nach Amerika zu reisen, endet das Buch. Mittendrin enthält es viel Grübelei über das Wesen der Menschen, über die Liebe und über das Leid, dass sie bringt, wenn sie nicht erwidert wird. Generell scheint hier nur die unerwiderte Liebe zu existieren, denn nicht nur hat sich Andreas in Niels verliebt, sondern erfährt er auch Liebe von mehreren Menschen, die er selbst nicht erwidern kann. All diese Konstruktionen wirken zuweilen etwas gekünstelt und während man noch glauben kann, dass Andreas durch einen Gönner aus Berlin die Suche nach Niels finanziert bekommt, wirkt es schon fraglich, ob die weitere Weltreise mit Hotelzimmern, und Flugzeugflügen im Verhältnis stehen. Nichtsdestotrotz lohnt es sich, dieses Buch zur Hand zu nehmen, um ein Gefühl für das Leben in den zwanziger Jahren zu bekommen, um zu erfahren, dass viele Probleme von heute bei weitem nicht neu sind und dass Krieg gerade dann besonders schrecklich wirkt,wenn man auf Einzelschicksale schaut. Und auch, wenn heute erste Strömungen beginnen, das Konstrukt Beziehung unter dem Punkt zu hinterfragen, wie viel „Anrecht“ man eigentlich an dem anderen habe, so ist dieser Gedanke keinesfalls neu: „Vereinigung mit dem geliebten Körper ist uns niemals gegeben, des Menschen Körper ist alleine für alle Ewigkeit. Blieb aber diese Liebe, die also auf des Geliebten Besitz verzichtet hatte, groß genug, so konnte sie vielleicht dem geliebten Körper helfen in seiner Einsamkeit. […] So galt es, einen zu finden, dem man alles gab, ohne ihn zu besitzen, dem man helfend treu blieb bis in den Tod, ohne ihn zu besitzen.“ Andreas Magnus.