Unser Buchtipp: boy2girl von Terence Blacker

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Als Mädchen zur Schule gehen, obwohl man ein Junge ist? Für manche mag es ein Neuanfang für ein neues Leben sein. Für Sam gehört es zu einer Mutprobe, die er – das sei vorweggenommen – mit Bravour meistert und das sogar länger, als anfangs vorgesehen.

 

Aber fangen wir von vorn an: Sam ist in den USA unter schwierigen Umständen aufgewachsen. Sein Vater sitzt im Gefängnis, weil er „Dinger gedreht“ hat. Mit 5 Jahren schon wurde Sam sogar zu seinem Komplizen gemacht. Seitdem schlagen er und seine Mutter sich allein durch ein wildes Leben, bis sie plötzlich bei einem Verkehrsunfall stirbt, als Sam 13 ist. Nach dem Testament seiner Mutter geht das Sorgerecht auf seine Tante über, die mit ihrem Mann und einem gleichaltrigen Sohn in London lebt. Dort mag er sich zunächst nicht in das schnöde Leben eingliedern, wird zwar von seinem Cousin Matt in dessen Freundeskreis integriert, provoziert dort aber und fliegt gleich wieder raus. Ein blöder Schachzug, wie er erkennt, denn so ist er ganz allein. Also bittet er, in die Gang zurück zu dürfen und schlägt sogar eine Mutprobe vor, um sich behaupten zu können. Doch mit dieser Mutprobe hat er nicht gerechnet: Er soll in der ersten Schulwoche als Mädchen zur Schule kommen, um die den Jungs verfeindete Mädchenclique zu unterwandern und aufzumischen. Zum Erstaunen der Jungs gliedert er sich aber derart gut ein, dass man selbst als Leser den Eindruck bekommt, ob in Sam nicht sogar transsexuelle Tendenzen schlummern.

 

Mittlerweile ist Sams Vater, Crash genannt, aus dem Gefängnis frei gekommen und hat von dem Verbleib seines Sohnes in London gehört. Da außerdem ein Erbe eine große Rolle spielt, beschließt er, Sam zurück zu holen und reist mit seiner neuen Flamme Ottoleen nach England. Dort ist Stunk natürlich vorprogrammiert und um Sam vor Crash zu verstecken, wird die boy-to-girl-Nummer spontan verlängert. Dabei zieht die Verkleidung immer obskurere Kreise in der Schule, angefangen von einem Date mit dem Mädchenschwarm aus der 10. Klasse bis hin zu einer übereifrigen Mutter, die alles daran setzt, dass ihr Sohn auch mal eine Freundin abkriegt. Den Höhepunkt der Geschichte bietet letztendlich die Talentshow der Schule, in der auch Sam mit seiner Mädchenband auftritt und in der plötzlich Crash und Ottoleen unter den Zuschauern sitzen. In einem dramatischen Moment platzt Sams Tarnung…

 

Wenn auch keine echte Trans-Thematik in dem Buch verpackt wird, so wird doch stark mit Geschlechterrollen gespielt und provoziert, weil eben ein Junge, der in einer gutbürgerlichen Schule für ein Mädchen gehalten wird, mächtig Staub aufwirbelt. Was ist denn typisch männlich und typisch weiblich? Kann ein Junge nicht auch Gefühle zeigen? Dürfen Mädchen nicht auch American Football spielen und sich im Schritt kratzen? Wie kritisch ist der Vorwurf zu sehen, Sam werde wegen seiner neuen Rolle selbst immer mehr zum Mädchen? Es ist gut, dass die Figur Sam mit allem souverän umgeht und einfach ihre eigenen Regeln schafft: „So sind wir Mädchen eben“, rief er. „Wenn ihr das nicht rafft, ist das euer Problem“. Leider kann das Ende des Romans nicht überzeugen und wirkt unrealistisch.

Unser Herbstbuch: Die Mitte der Welt (von Andreas Steinhöfel)

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Das Leben verläuft nicht linear und immer einer geraden Schnur folgend. Mit Erinnerungen ist es genauso. „Die Mitte der Welt“ erzählt aus dem Leben von Phil und all den Menschen um ihn herum und allein deshalb ist es schwierig, all den Inhalt in wenige Worte zu fassen. Ein sympathischer Spielmann sagte einmal, was man für das Ende einer Geschichte halten könnte, ist in Wahrheit schon der Beginn einer neuen. Auch Phil sucht an einigen Stellen nach dem Punkt, an dem alles angefangen hat. Also wo beginnt die Geschichte von der Mitte der Welt?

Der Roman selbst beginnt mit der Reise von Glass, Phils Mutter, von Amerika über England zum Schloss Visible und dort angekommen, mit dem Beginn von Phils Leben. Er endet damit, wie der 17-jährige Phil an Bord eines großen Frachtschiffes geht, um von Europa nach Amerika zu gelangen, dort einen neuen Abschnitt seines Lebens zu beginnen und nach seinem Vater zu suchen. Dazwischen passiert ähnlich viel, wie man selbst in den ersten 17 Jahren seines eigenen Lebens erlebt hat. Dabei scheint irgendwie alles miteinander zusammen zu hängen, aber dem kompletten Netz an Geschichten wird man erst am Ende gewahr. Bis dahin erfahren wir beispielsweise davon, wie Phil seine beste Freundin Kat in frühen Kindheitstagen im Krankenhaus kennengelernt hat, als er zur Angleichung seiner abstehenden Ohren unters Messer musste. Oder davon, wie er mit 14 Jahren auf eine Schiffsreise von Gable (einem Verwandten aus „einer entfernten Seitenlinie der Familie“) mitkommen durfte und im Mittelmeerraum ein eigenes erstes sinnliches Abenteuer erlebt. Oder davon, wie er und seine Zwillingsschwester Dianne sich am Fluss gegen eine Gruppe anderer Kinder aus seiner Klassenstufe verteidigen mussten, die sie wegen ihres Außenseiterstatus überfielen. So erhält man ein Puzzleteil nach dem nächsten, das man zunächst wahllos auf dem Boden der eigenen Vorstellungskraft verteilt. Parallel dazu sind die Sommerferien gerade zu Ende und bei einem Eis bereden Kat und Phil noch die Erlebnisse aus dem Sommerurlaub und die Geheimnisse um Phils Vater, als zum neuen Schuljahr Nicholas neu in die Klasse kommt und sich Phil schnell in ihn verliebt. Er hat ihn sogar vor Jahren schon mal in der Stadt gesehen – auch dazu gibt es eine Geschichte – und seitdem nie wieder. Zur Freude des mitfiebernden Lesers kommen die beiden zusammen, aber einige Zweifel bleiben Phil noch. „Frag ihn nie, ob er dich liebt“, gibt ihm Glass als Rat auf den Weg. Immerhin scheint es zunächst gut zu laufen, denn Nicholas kommt auch mit Kat gut klar und ganz vorsichtig erhält Phil einen kleinen Einblick in Nicholas‘ Geheimnisse. Einen zu kleinen, wie Phil findet. Immer mehr bekommt er das Gefühl, dass er nicht so sehr zu Nicholas vordringt, wie er gern würde. Ihm fehlt Nähe und Sicherheit. Gleichzeitig ist die Angst, zu schnell wieder verlassen zu werden, zu groß. Dass sich Nicholas und Kat dann sogar besser verstehen, als Phil zu denken vermochte (und doch insgeheim unterbewusst befürchtete), lässt ihn neben weiteren Hiobsbotschaften in einen dunklen Strudel fallen. Zuletzt – mittlerweile ist Winter und ein bedeutender Schauplatz ist eine weiße, von Schnee bedeckte Wiese – kommt es zu einem verhängnisvollen Vorfall, an dem Kats Exfreund Thomas und Phils früherer Schulfreund Wolf beteiligt sind. Zwischen Phil und Nicholas ist ab da an nichts mehr wie es war. Dafür werden die letzten Geheimnisse um seine Schwester Dianne und seine Mutter Glass gelüftet. Alles, was Phils Leben bis jetzt ausgemacht hat, scheint ins Wanken geraten zu sein. Immerhin kommt Phil am Ende nach längerem Hadern zu dem Schluss: „Noch immer glaube ich, den Boden unter meinen Füßen schwanken zu spüren, aber ich habe keine Angst mehr davor, zu stürzen. Es ist ein schönes Gefühl. Es ist das Gefühl von Leben in Bewegung“.

Unser Sommerbuch: Arbeit und Streben (von Holger Siemann)

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Der Titel allein mag in der heutigen Zeit abschrecken. Er riecht nach Konservatismus, nach Spinnweben, trockener Materie und vielleicht auch etwas Sozialismus. Letztere Vermutung liegt gar nicht so fern. Trotz vermutet staubiger Thematik liest sich das Buch flüssig weg, obwohl man am Anfang erst mit einer ganzen Schar an Familienmitgliedern vertraut gemacht wird. Das erste Kapitel wirkt sogar offensichtlich wie einzig dafür geschrieben, wenn Oma Johanna rekapituliert, wer aus ihrer Familie eigentlich was zum geplanten Frühjahrsball beitragen soll. Dabei wirkt der Frühlingsball wie ein Superevent, mit dem jeder aus der Familie andere Ziele verfolgt. Parallel dazu gilt es, die Firma Schöne Plastik, deren Geschäftsführerin Mutter Christa ist, endgültig aus der Krise zu führen, als ein Großauftrag aus China anklopft.

Insgesamt versucht das Buch, alle Bereiche und Themen des Lebens und einer Familie gleichzeitig unter einen Hut zu bekommen, was relativ gut gelingt. Man hat lediglich das Gefühl, dass in der kurzen Handlungszeit von gerade einmal anderthalb Monaten viel zu viel passiert, zwei Autounfälle und eine Firmenübernahme inklusive. Christa lernt beispielsweise eine neue Liebe kennen, die sie kurz darauf schon wieder verliert. Oder doch nicht? Der Freund der Tochter Cornelia landet letztendlich fast unschuldig in einer kurzen Affäre mit Marek, dem Cousin von Cornelia, der länger schon Augen für Sebastian hat. Tochter Cornelia arbeitet derweil emsig daran, einen Posten im Stadtrat zu bekommen und auf weite Sicht sogar die Bürgermeisterin abzulösen. Oma Johanna freut sich auf einen Besuch des Sohnes ihres gefallenen Bruders, Eugen, der nun plötzlich Eugenia heißt und gar nicht mehr männlich aussieht, aber großes Interesse für die Geschäfte der Firma zeigt.  Diesen und einigen weiteren Handlungssträngen, die sich wild abwechseln, fiebert man nach und am Ende ist kaum noch etwas so, wie es am Anfang war. In weiteren Rollen: Eine zerbrochene Ehe, eine Tochter, die mit ihrem Freund durchbrennt, eine ganze Menge Börsenspekulation, die wie ein Damoklesschwert über der Fabrik hängt und eine alte Holzkiste mit Relikten aus der Vergangenheit.

„Vergangenheit“ ist insofern noch ein gutes Stichwort, als dass es ausreichend Rückblenden gibt, die geschichtlich prekäre Situationen anreißen, wie die NS-Zeit und den Sozialismus. Dabei wird dem Leser überlassen, eine Wertung zu finden. Mit all dem, was auf den 384 Seiten beschrieben, erzählt und angedeutet wird, würde ich das Buch als hervorragend bezeichnen, wenn auch zum Prädikat „Meisterwerk“ noch ein wenig fehlt. Lesen lohnt sich aber auf jeden Fall. Eine gute Portion Konzentration muss man dabei selbst mitbringen.

Unser Frühlingsbuch: Rita Mae Brown – Jacke wie Hose

Keine_Bildcover_RechteUnterhaltsamer ist Geschichtsunterricht nie gewesen. Und berührender. Und lebendiger.

Die Geschichte zweier Schwestern, die permanent zanken und dennoch nicht ohne einander auskommen, wird über mehrere Jahrzehnte hinweg beleuchtet, wobei die Gesellschaft einer Kleinstadt genau an der Grenze zwischen Nord- und Südstaaten, Krieg, Prohibition und – natürlich – Schwulen- bzw. Lesbenrechte immer wieder alltägliches Thema sind. So erlebt man mit den Schwestern kindliche Streiche und das gewalttätige Niederschlagen eines Arbeiterstreiks, Schulabschlüsse und Kriegseintritt, und erfährt ganz nebenbei einiges über das Leben in der Mitte Amerikas von 1909 bis 1980.

Wie gewohnt ist Browns Sprache leicht und spielerisch, häufig ironisch und immer wieder sehr wahr. Ihre Charaktere sind alles besondere Frauen, wie die reiche, in einer mehr schlecht als recht verborgenen lesbischen Beziehung lebende Celeste und deren „Mädchen für alles“ Cora, deren zänkische Töchter Dreh- und Angelpunkt der Geschichte darstellen, ohne dabei wirklich in alle Erlebnisse verwickelt zu sein. Durch die katholische Gesinnung der einen Tochter werden Themen wie gleich-geschlechtliche Liebe, Alkohol und Sex vor der Ehe religiös diskutiert und Brown schafft es, den kirchlichen Begriff der Sünde immer wieder intelligent und ironisch der menschlichen Natur und dem gesunden Menschenverstand entgegenzusetzen und die heuchlerische Art der Glaubensschwestern in ihrem Verhalten zu spiegeln, ohne direkt darauf hinzuweisen.

Wieder in der Gegenwart (1980) angekommen, lässt das Buch uns erschöpft zurück, mit dem Gefühl, etwas sehr Wahres über das Leben gelernt zu haben, das sich nicht richtig in Worte fassen lässt. Tiefsinnig und trotzdem leicht fließend wie das Leben selbst.

Unser Winterbuch: Rita Mae Brown – Die Tennisspielerin

Keine_Bildcover_Rechte„Die Tennisspielerin“ erzählt von einer jungen Frau, deren Erfolge im Sport durch Gerüchte über ihr Liebesleben gefährdet werden. Beim Kampf gegen eine auf dem Platz ebenso starke Gegnerin werden psychologische Taktiken der Zermürbung wichtiger, je realistischer der größte aller Tennistriumphe, der Grand Slam, zu erreichen ist. Doch am Ende ist nicht nur der Grand Slam in Gefahr, sondern auch das ganze Leben des jungen Stars.

Durch eine detaillierte Darstellung aller Personen kommt der Roman etwas schwer in Gang, doch schnell hat Brown auch Tennisneulinge in ein atemloses Spiel hineingezogen, Kapitel und Abschnitte folgen rasant aufeinander wie die Aufschläge und am Ende bleibt man mit zittrigen Knien und erschöpft zurück, als hätte der Leser selbst die aufreibende Tennissaison hinter sich.

Das bereits 1984 in Deutsch erschienene Buch hat nichts von seiner Aktualität verloren. Die Umstände mögen sich gewandelt haben, ungefährlich ist das Coming-Out auch heute nicht, ebenso wenig wie das Wissen einer zur Gegnerin gewordenen Exfreundin. Doch neben diesem kritischen Potential verspricht „Die Tennisspielerin“ auch reinen Lesespaß – auch für Nichtsportler.