Buchvorstellung

Unser Frühlingsbuch: Rita Mae Brown – Jacke wie Hose

Keine_Bildcover_RechteUnterhaltsamer ist Geschichtsunterricht nie gewesen. Und berührender. Und lebendiger.

Die Geschichte zweier Schwestern, die permanent zanken und dennoch nicht ohne einander auskommen, wird über mehrere Jahrzehnte hinweg beleuchtet, wobei die Gesellschaft einer Kleinstadt genau an der Grenze zwischen Nord- und Südstaaten, Krieg, Prohibition und – natürlich – Schwulen- bzw. Lesbenrechte immer wieder alltägliches Thema sind. So erlebt man mit den Schwestern kindliche Streiche und das gewalttätige Niederschlagen eines Arbeiterstreiks, Schulabschlüsse und Kriegseintritt, und erfährt ganz nebenbei einiges über das Leben in der Mitte Amerikas von 1909 bis 1980.

Wie gewohnt ist Browns Sprache leicht und spielerisch, häufig ironisch und immer wieder sehr wahr. Ihre Charaktere sind alles besondere Frauen, wie die reiche, in einer mehr schlecht als recht verborgenen lesbischen Beziehung lebende Celeste und deren “Mädchen für alles” Cora, deren zänkische Töchter Dreh- und Angelpunkt der Geschichte darstellen, ohne dabei wirklich in alle Erlebnisse verwickelt zu sein. Durch die katholische Gesinnung der einen Tochter werden Themen wie gleich-geschlechtliche Liebe, Alkohol und Sex vor der Ehe religiös diskutiert und Brown schafft es, den kirchlichen Begriff der Sünde immer wieder intelligent und ironisch der menschlichen Natur und dem gesunden Menschenverstand entgegenzusetzen und die heuchlerische Art der Glaubensschwestern in ihrem Verhalten zu spiegeln, ohne direkt darauf hinzuweisen.

Wieder in der Gegenwart (1980) angekommen, lässt das Buch uns erschöpft zurück, mit dem Gefühl, etwas sehr Wahres über das Leben gelernt zu haben, das sich nicht richtig in Worte fassen lässt. Tiefsinnig und trotzdem leicht fließend wie das Leben selbst.

Unser Winterbuch: Rita Mae Brown – Die Tennisspielerin

Keine_Bildcover_Rechte“Die Tennisspielerin” erzählt von einer jungen Frau, deren Erfolge im Sport durch Gerüchte über ihr Liebesleben gefährdet werden. Beim Kampf gegen eine auf dem Platz ebenso starke Gegnerin werden psychologische Taktiken der Zermürbung wichtiger, je realistischer der größte aller Tennistriumphe, der Grand Slam, zu erreichen ist. Doch am Ende ist nicht nur der Grand Slam in Gefahr, sondern auch das ganze Leben des jungen Stars.

Durch eine detaillierte Darstellung aller Personen kommt der Roman etwas schwer in Gang, doch schnell hat Brown auch Tennisneulinge in ein atemloses Spiel hineingezogen, Kapitel und Abschnitte folgen rasant aufeinander wie die Aufschläge und am Ende bleibt man mit zittrigen Knien und erschöpft zurück, als hätte der Leser selbst die aufreibende Tennissaison hinter sich.

Das bereits 1984 in Deutsch erschienene Buch hat nichts von seiner Aktualität verloren. Die Umstände mögen sich gewandelt haben, ungefährlich ist das Coming-Out auch heute nicht, ebenso wenig wie das Wissen einer zur Gegnerin gewordenen Exfreundin. Doch neben diesem kritischen Potential verspricht “Die Tennisspielerin” auch reinen Lesespaß – auch für Nichtsportler.

Unser Herbstbuch: Klaus Mann – Der fromme Tanz

© Rowohlt Verlag
Copyright © Rowohlt Verlag

“‚Mein kleiner Andreas – ich weiß, du kannst mich nicht lieben – du liebst nicht die Frauen – wir wollen uns nichts vorlügen, wollen’s uns nicht leichter machen – aber gib mir deinen Mund.'”
Es ist wahrlich noch eine andere Sprache, die dieses Buch spricht. Eine Sprache, die es fertig bringt, von der ersten bis zur letzten Seite über die Erlebnisse eines Menschen zu schreiben, der sich in schillernden, teils travestiegeprägten Welten eine eigene Nische sucht, ohne auch nur einmal Worte, wie “homosexuell” oder “schwul” zu verwenden. Die oben zitierte Stelle ist es als einzige, an der die Orientierung von Andreas Magnus am deutlichsten zur Sprache gebracht wird. Es ist eine unschuldige Sprache – so unschuldig, wie unser Hauptcharakter im ersten Teil gezeichnet wird, daheim im väterlichen Hause, arbeitend an einem ersten großen Kunstwerk, mit dem Andreas seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden kann. Andreas, der selbst noch so unschuldig ist, wie der ganze Roman anfangs geschrieben wirkt in einer Sprache, die mittlerweile so fremd erscheint, dass es schwer fällt, sich mit dem Buch zu identifizieren, einen leichten Zugang zu finden. Darüber hängt fast drohend der Name Klaus Manns, ältester Sohn des großen Schriftstellers Thomas Mann. Auf die heutige Jugend mag das Werk abschreckend wirken. Sie identifiziert sich über andere Dinge. Überraschend wirkt derweil, dass ebenjenes Phänomen schon von Klaus Mann in die Gedanken des Andreas gelegt wird: Die “Jugend von heute” ist zu jeder Zeit schon schwer zu fassen gewesen. Auch daran krankt Andreas im Versuch, seiner eigenen Generation einen Charakter zuzuordnen.Reichlich naiv, gepaart mit dem jugendlichen Drang, alles auf einmal zu erfassen, wirken Andreas’ Gedanken zu Beginn des Werkes. Damit einher geht eine Verzweiflung, die ihn zunächst an die Böschung eines reißenden Flusses treibt, dann aber nach kurzer Besinnung immerhin noch fort von zu Hause und ins große Berlin! Hier ändert sich die Färbung des Romans frappierend. So wie Berlin auch heute noch von Ferne all jene anlockt, die von großer Karriere träumen, zeigt es ein hartes Gesicht, befindet man sich erst einmal inmitten des geschäftigen Großstadttreibens. Andreas durchlebt diesen Leidensweg, wird von den Umständen regelrecht in die Pension Meyerstein gespült und freundet sich dort mit den unterschiedlichen Bewohnern an. Dabei scheint ihn das Schicksal seiner Natur nach geleitet zu haben, denn ehe er sich’s versieht, steckt er inmitten der Berliner Travestie- und Schwulenszene der blühenden 20er Jahre, die allerdings aus mehr besteht als nur leuchtenden Scheinwerfern, Prosecco und beleibten Herren, die ihm Avancen machen. Hier schlägt sich Andreas einige Zeit durch, schließt viele Bekanntschaften und freundet sich mit Franziska an, durch die er anfangs erst aufgefangen wurde, als er wie ein Gestrandeter Bekanntschaft mit der Hauptstadt gemacht hat. Als die beiden beschließen, Urlaub in der Nähe von Dresden zu machen, lernt Andreas dort Niels kennen, in den er sich sofort verliebt. Doch Niels ist ein Charmeur vor den Frauen und denkt nicht daran, sich an Andreas binden zu lassen. Wo er sich zunächst den beiden Berlinern anschließt, um seinem bisherigen Leben und seiner fast-Adoptivmutter zu entkommen, so flüchtet er dann weiter, als er feststellt, dass es ihm auch in Berlin zu eng wird. Andreas reist ihm aus Liebe hinterher. Regelrecht clichéhaft wirkt es, dass nach der Szenestadt Berlin nun die Hamburger Reeperbahn, anschließend Köln und zuletzt die Stadt der Liebe, Paris, Stationen seiner Reise sind. Erst in Paris holt er Niels ein, muss dort jedoch abermals lernen, dass seine Liebe weiterhin unerwidert bleiben wird und Niels sich nicht zähmen lässt. Mit dem Beschluss von Andreas, aus Paris aufzubrechen, weiter in den Süden und dann von dort aus in den fernen Osten und nach Amerika zu reisen, endet das Buch. Mittendrin enthält es viel Grübelei über das Wesen der Menschen, über die Liebe und über das Leid, dass sie bringt, wenn sie nicht erwidert wird. Generell scheint hier nur die unerwiderte Liebe zu existieren, denn nicht nur hat sich Andreas in Niels verliebt, sondern erfährt er auch Liebe von mehreren Menschen, die er selbst nicht erwidern kann. All diese Konstruktionen wirken zuweilen etwas gekünstelt und während man noch glauben kann, dass Andreas durch einen Gönner aus Berlin die Suche nach Niels finanziert bekommt, wirkt es schon fraglich, ob die weitere Weltreise mit Hotelzimmern, und Flugzeugflügen im Verhältnis stehen. Nichtsdestotrotz lohnt es sich, dieses Buch zur Hand zu nehmen, um ein Gefühl für das Leben in den zwanziger Jahren zu bekommen, um zu erfahren, dass viele Probleme von heute bei weitem nicht neu sind und dass Krieg gerade dann besonders schrecklich wirkt,wenn man auf Einzelschicksale schaut. Und auch, wenn heute erste Strömungen beginnen, das Konstrukt Beziehung unter dem Punkt zu hinterfragen, wie viel “Anrecht” man eigentlich an dem anderen habe, so ist dieser Gedanke keinesfalls neu: “Vereinigung mit dem geliebten Körper ist uns niemals gegeben, des Menschen Körper ist alleine für alle Ewigkeit. Blieb aber diese Liebe, die also auf des Geliebten Besitz verzichtet hatte, groß genug, so konnte sie vielleicht dem geliebten Körper helfen in seiner Einsamkeit. […] So galt es, einen zu finden, dem man alles gab, ohne ihn zu besitzen, dem man helfend treu blieb bis in den Tod, ohne ihn zu besitzen.” Andreas Magnus.

Buch des Monats (Mai): Jan Stressenreuter – Wie Jakob die Zeit verlor

Buch_06
Copyright © Querverlag

“Januar 1986. Spanien und Portugal treten der Europäischen Gemeinschaft bei, deren Mitgliederzahl sich damit auf zwölf erhöht. Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterand und die britische Premierministerin Margaret Thatcher geben im nordfranzösischen Lille den Bau eines Eisenbahntunnels unter dem Ärmelkanal bekannt. […] Die US-amerikanische Raumfähre ‚Challenger’ explodiert 73 Sekunden nach dem Start in Cape Canaveral”. – Immer wieder ziehen sich solche geschichtlichen Rückblicke aus der zweiten Hälfte der achtziger Jahre durch den Roman von Jan Stressenreuter, die jedoch zuletzt immer auf einen Umstand hinweisen: Der AIDS-Virus breitet sich nahezu ungehindert aus und noch gibt es keine effektiven Medikamente, um ihm Einhalt zu gebieten. Diese Erfahrung durchlebt Jakob nahezu am eigenen Leibe, dessen Freund Marius mehr und mehr an Kraft verliert. Auch Jakob selbst ist HIV-positiv, doch aus irgend einem Grund ist das Virus bei ihm nicht so aggressiv. Über das Buch verteilt erleben wir in mehreren Passagen hautnah die komplette Geschichte ihrer Beziehung und den Leidensweg der beiden Liebenden mit. Doch letztendlich spielt das Buch und die Haupthandlung in der heutigen Zeit. Jakob arbeitet in einer Gärtnerei und hat durch diesen Job seinen Freund Arne per Zufall kennen gelernt. Doch die Beziehung läuft nicht gut. Jakob hängt immer noch Marius hinterher und kann sich nicht mit vollem Herzen auf Arne einlassen, was diesen auch belastet.

Jakob driftet umher und macht dabei in einem Pornokino die Begegnung mit einem Stricher, dem er einen unmotivierten und erfolglosen Abwehrversuch widmet. Zwar trennen sich ihre Wege nach kurzem wieder, doch das Schicksal treibt noch weitere Spiele mit ihnen. Unterdessen spitzt sich Jakobs und Arnes Krise weiter zu und Arne hält es letztendlich nicht mehr aus, dass Jakob noch immer in der Vergangenheit hängt. Er ergreift die Flucht und Jakob ist plötzlich allein.

Im weiteren Verlauf der Geschichte geschehen einige zufällige Begegnungen, verrückt-spontane Aktionen und an Dramatik fehlt es letztendlich auch nicht. Wie es allerdings dazu kommt, dass Jakob Arne und Philipp, dem besagten Stricher, gegenüber steht und eben nicht eine Entscheidung für den einen oder den anderen, sondern für beide zusammen zu treffen hat, dürft ihr gern selbst nachlesen.

Das Buch führt sehr plastisch und erlebbar sowohl die Zeit des Ausbruchs der AIDS-Epidemie vor Augen, erzählt aber auch einfühlsam und mit gewitzter Sprache die Geschichte einer Beziehung in der heutigen Zeit. Es gibt Gelegenheiten zum Lachen, Weinen, Mitfühlen und Freuen.

Buch des Monats (April): Rita Mae Brown – Schade, dass du nicht tot bist

Keine_Bildcover_RechteDie verschlafene Kleinstadt Crozet in Virginia döst in der typischen Sommerhitze, als auf einmal eine Reihe brutaler Morde die gewohnte Routine zerreißt. Die etwas zu neugierige Postbeamtin Harry ermittelt mit – oder eher parallel zu – ihren Tieren, der Corgishündin Tucker und der Katze Mrs. Murphy, und bringt damit alle drei in tödliche Gefahr.

Rita Mae Brown erzählt die typischen gesellschaftlichen Fauxpas‘ einer Kleinstadt mit Charme und Witz. Die Unterhaltungen zwischen den Tieren, die die Menschen natürlich nicht verstehen können, werfen eine ironische und zum Teil böse Perspektive auf unsere gierige, manchmal ziemlich begriffsstutzige Rasse und zaubern immer wieder ein verschmitztes Grinsen auf das Gesicht des Lesers. Schwer einfach hinzunehmen, dass unsere Tiere uns häufig besser durchschauen als wir selber …

Warmherzig und spannend gelingt Brown ein Roman, den beiseite zu legen schwer fällt, ohne dass einem von der Spannung wirklich der Atem stockt; eine gleichzeitig kurzweilige wie gesellschaftskritische Betrachtung des menschlichen Lebens in Kleinstädten und der ganzen Welt. Das Ende kommt weniger überraschend, als es sein könnte, ohne dabei jedoch den Wert des Ganzen zu schmälern. Das 1991 erstmals bei Rowohlt erschienene Buch eignet sich ebenso für warme Frühlingsvormittage als auch für kuschelige Zeiten an der Heizung.