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Buch des Monats (März): Howard O. Sturgis – Tim

Copyright © Männerschwarm Verlag
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Was hat ein Mensch zu erwarten, der so unscheinbar und schüchtern ist, dass sich nicht einmal der Autor selbst sicher ist, welcher sein wirklicher Name war – noch dazu zum Ende des 19. Jahrhunderts?

Tim – zumindest wurde er von vielen so genannt – schien in seiner eigenen Welt aufzuwachsen, spielte gern in der Natur und war von relativ zerbrechlicher Gestalt. Aber sein Herz war groß, was der Leser im gleichnamigen Roman von Howard O. Sturgis recht schnell erfährt. Auf einem seiner Naturausflüge lernte er durch einen Jagdunfall – bei dem er ausgerechnet selbst das Opfer war – Carol kennen und verliebte sich sofort in ihn. Zumindest kann man dies als Leser schlussfolgern bei so viel Zuneigung, die er ihm fortan entgegen brachte. Wahrlich blieb die Liebe platonisch und in reinster, unschuldigster Form. Carol war einige Jahre älter als Tim und ging bald auf ein Internat, sodass sich Tim anstrengte, schulisch genauso gut zu werden, um ebenfalls auf die Eliteschule zu kommen. Das gelang ihm letztendlich, aber die Außenseiterrolle war ihm garantiert und der Altersunterschied der beiden wirkte sich gerade in der Schule darin aus, dass sich die Freunde selten zu Gesicht bekamen. Immerhin gab es weitere nette Menschen auf der Schule, sodass Tim halbwegs unbeschadet durch die Schulzeit kam. Ein weiterer kritischer Punkt seines Lebens ereilte ihn, als sich Carol in ein Mädchen verliebte. Leider nahm diese Krise ein tragisches Ende.

Besonders interessant an diesem Buch ist, dass es selbst bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ist, also zu einer Zeit, in der Homosexualität bei weitem nicht anerkannt war. Der Arzt Magnus Hirschfeld hat hier gerade einmal angefangen, zum – wie er sagte – „dritten Geschlecht“ zu forschen und sich für die Rechte von Lesben und Schwulen einzusetzen. Auch die Sprache des Romans ist gewöhnungsbedürftig und insgesamt umhüllt den Leser die Atmosphäre einer längst vergangenen Zeit. Dennoch macht das Lesen Spaß und man schließt den kleinen Tim schnell ins Herz.

Buch des Monats (Februar): Gudmund Vindland – Der Irrläufer

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Die Geschichte beginnt mit einem Traum schwuler junger Liebe – einer scheinbar perfekten Beziehung. Oder nein, eigentlich beginnt die Geschichte mit ihrem Ende, das aber nur kurz angerissen und doch eine Tragik ungeheuren Ausmaßes andeutend. Zugegeben, beim Lesen habe ich Yngve schon beneidet, der seinen Freund bereits in der 4. Klasse kennen lernte, mit ihm das erste Erwachen erotischer Gefühle erlebte und letztendlich mehr teilte als bloße Freundschaft. Doch die gesellschaftlichen Verhältnisse im Norwegen der 50er Jahre schlugen schnell erste Risse in diese Beziehung und bauten einen Druck auf, dem Yngves Freund Magnus weit weniger gewachsen war als Yngve selbst. Nein, Magnus ist nicht schwul! Und so handelt der erste Teil immer wieder von dem Spannungsfeld der Anziehungskraft, die Yngve auf Magnus ausübt und dem Drang zur gesellschaftlichen Anpassung. Großen Anteil an letzterem hat gerade die christliche Kirche, in deren Umfeld sich die beiden Jungs viel bewegen. Das Auftreten eines Pastors, der ebenfalls zum Versteckspiel getrieben sich den beiden Jungs auf bizarre Weise annähert, nährt die Ansichten von Magnus. So einer bin ich nicht! Also kommt das unvermeidbare und Yngve findet sich plötzlich allein in der großen Welt wieder, geht zunächst aufs Gymnasium, scheitert dann allerdings ein weiteres Mal an den gesellschaftlichen Normen und dem Drang zur Anpassung und beginnt daraufhin eine Lehre. Man kann schon sagen, dass Yngve ein Querschläger ist, aber einer von den Guten. Er bleibt sich treu, einfach weil er gar nicht anders kann und das macht ihn sympathisch. Doch das Leben geht weiter: Erste Erfahrungen in Schwulenkneipen und auch hier Rückschläge und sogar Gewalt. Aber die Szene hält zusammen. Wirklich? Verfolgt nicht doch jeder irgendwo versteckt auch seine eigenen Pläne und Absichten? Ein Absturz in die Dekadenz der Schönen und Reichen, eine Reise durch Europa, Partys, Drogen, schriller Höhenflug… und dann der Absturz! Yngve lässt wahrlich nichts aus, um über die Welt und die Menschen zu lernen, stolpert dabei aber mehr durch sein Leben, als zielgerichtet zu forschen. Dieses Dasein zwischen den Extremen, im ständigen Widerstreit mit der Gesellschaft, die erste große Liebe noch immer nicht verarbeitet, führt dann letztendlich zum Zusammenbruch. Wir lernen mit ihm eine norwegische Nervenklinik von innen kennen und kommen bald zu dem Entschluss: Gesund wird man dort nicht gemacht. Eher noch kranker. Aber Yngve ist ein harter Knochen und erst jetzt, wo er tiefer nicht mehr fallen kann und jeglicher Ausgang aus seiner Lage hoffnungslos erscheint, regeneriert er nach und nach unheimliche Kräfte, wieder zu sich zu finden. Und so steht er wieder draußen, in der freien Welt, mit nichts außer sich selbst und nur eins, zwei wirren Ideen, was seine Zukunft werden könnte, aber mit umso mehr Last an Vergangenheit, die er bis zuletzt nicht abschütteln kann.

Der Irrläufer ist ein phänomenaler Einblick in die menschliche Psyche, in Auswirkungen der gesichtslosen, anonymen Mehrheit in einem Individuum. Und es zeigt sehr anschaulich, was es auch in Europa noch vor nicht allzu langer Zeit bedeutete, schwul zu sein. An vielen Stellen möchte man Yngve einfach in den Arm nehmen und trösten. Alles wird gut. Aber Yngve ist bei aller Geselligkeit doch ein Einzelgänger, der seinen eigenen Weg gehen muss. Den wir alle gehen müssen, jeder für sich selbst. Allein deshalb ist das Buch unbedingt lesenswert!

Buch des Monats (Januar): Karen-Susan Fessel – Jenny mit O

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Jenny ist 16, ohne Ausbildungsplatz, ohne feste Bindungen in Groß Klein bei Rostock, mitten in Gewalt und Perspektivlosigkeit. Nach einem weiteren Streit mit ihrem Stiefvater flieht sie nach Berlin, lebt mit Straßenkids, Strichern und Szenelesben, aber nirgendwo ist sie richtig zu Hause. Sie ist in sich selbst nicht zu Hause.

Einfühlsam und bisweilen sehr komisch beschreibt Fessel, wie aus Jenny Jonny wird, wobei mit der Erkenntnis und dem Namenswechsel die Probleme eigentlich erst beginnen. Durch die detaillierte Beschreibung des Problemgebiets, aus dem Jenny stammt, und den Schwierigkeiten des Lebens auf der Straße geht jedoch das spezielle Thema der Identitätssuche des jungen Mannes im Körper eines Mädchens am Anfang etwas unter. Als die Fragen des unmittelbaren Überlebens geklärt sind, dringt die Frage der Identität wieder immer mehr durch.

Jenny mit O ist fesselnd, tragisch und vielfach auch komisch und läd ein, die spezielle Problematik der Transsexualität auch auf andere Schwierigkeiten der Identitätssuche Jugendlicher zu übertragen. Manchmal steht Jonny vor so vielen verschiedenen Problemen, dass der Leser leicht überfordert wird und die trans- und homosexuelle Problematik aus den Augen verliert, doch Fessel gelingt es, den Bogen immer wieder mit harmonischen Sequenzen und ironischen Beobachtungen zurückzuschlagen in die Berliner Szene und die Seele ihrer Hauptperson: Je/onny. Das Buch eignet sich m.E. sehr gut, um es mit Schüler/innen zu lesen und zu besprechen.

Mia Maulwurf

Buch des Monats (Dezember): Jim Grimsley – Das Leben zwischen den Sternen

Keine_Bildcover_RechtePassend zur Weihnachtslichterzeit stellen wir euch diesen Monat ein Buch vor, in dem Weihnachten auch eine zentrale Rolle spielt:

Jim Grimsley: „Das Leben zwischen den Sternen“

„Das einzige, was mir nicht gefällt, ist die Vorstellung, dass du mir noch lieber werden könntest als sowieso schon.“

Nähe und Distanzierung, ewiges Austarieren eigener Gefühle und Erwartungen mit denen der anderen, des anderen. Dies beschreibt der Roman von Jim Grimsley, welcher von Dan und Ford handelt. Beide arbeiten in einem Krankenhaus, liefen sich dort bei einem Weihnachtssingen das erste Mal über den Weg und dabei verzauberte Dan Ford dermaßen, dass letzterer gar nicht anders konnte als sich zu überwinden, Kontakt zu Dan aufzunehmen. Der Leser erlebt mit den beiden Protagonisten zusammen drei weitere Weihnachtsfeste und damit das Wachsen der Beziehung der beiden. Diese vierte Weihnacht bildet hierbei den Rahmen der Erzählung und der Aufbruch von Dan zu seinen Eltern zum Anfang dieser Feiertage stellt den Beginn des Roman dar. Es ist das erste Weihnachtsfest, bei dem er Ford zu seinen Eltern mitbringt. Dabei wirkt die Stimmung genauso düster wie ein kalter Winterabend. Von Weihnachtszauber ist noch keine Spur. Wenn Dan und Ford miteinander reden, wirkt dies ziemlich distanziert und vorsichtig. Antworten gehen selten auf die Fragen ein, denen sie folgen und man bekommt das Gefühl, dass in den Köpfen der beiden viele Dinge umgehen, über die klar zu reden sie nicht schaffen. Oftmals muss man gut raten, was mit welcher Aussage gemeint sein könnte. Bekommt man zunächst den Eindruck, die Handlung spielt in weit vergangenen Zeiten, in denen Homosexualität ein Tabu ohnegleichen, wenn nicht sogar eine Straftat war, so korrigiert sich die Sicht erst später auf Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre. Berührungen in der Öffentlichkeit werden als Besonderheit, als Bruch eines Tabus dargestellt, die jedoch mehr Ford als solche empfindet. Wo die beiden Protagonisten oft um den heißen Brei herum reden, beschreibt der Autor Situationen jedoch recht klar und stellt damit einen Kontrast zu den Dialogen dar.

Im weiteren Geschehen lernt man sowohl Dan als auch Ford näher kennen, jeweils aus der Perspektive der Personen selbst, und erfährt so stückweise mehr und mehr Details aus der Vergangenheit. Dabei berichtet der Autor stetig aus der dritten Person und verschiebt lediglich den Blickpunkt zwischen den Teilen des Buches ein wenig zwischen Dan und Ford hin und her. Alles, was über die Feiertage passiert, wirft Erinnerungen an Vergangenes auf und so schwenkt der Roman mal in Dans Kindheit, mal auf Fords vergangene Liebschaften, mal auf eine detaillierte Beschreibung des Kennenlernens der beiden und auf viele weitere Momente ihrer Beziehung. Je weiter man liest, desto mehr erfährt man über die beiden Männer mit all ihren Ängsten, Vorbehalten, Sehnsüchten und Wünschen und umso mehr werden sie einem sympathisch. Man fiebert mit jedem Auf und Ab der Beziehung mit und ist doch am Ende froh über den Verlauf der Dinge – zumindest über die meisten. Das Ende ist hierbei zwar offen, doch offene Fragen bleiben keine mehr. Ein gelungener Abschluss also.

Wer Action und viel Handlung braucht, dem ist das Buch nicht zu empfehlen. Romantiker allerdings kommen voll auf ihre Kosten und wer sich gern in Beziehungen anderer hinein denkt, der wird dieses Buch sehr gern lesen.

… eine Beziehung ist wie eine wertvolle Vase, die du über einen weiten Weg tragen musst. Sie erfreut dich, ist sehr wertvoll, aber auch schwer und es wird Momente geben, in denen du sie einfach hinwerfen willst. Doch die Mühe, sie zu halten, lohnt sich. Der Weg ist das Ziel und all die gemeinsamen Stunden zusammen.

Buch des Monats (November): Jan Stressenreuter – Aus Wut

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Im Café des LSVD gibt es eine Bibliothekt, in der sich über die Jahre zahlreiche LesBiSchwul*e Bücher angesammelt haben – Belletristik wie auch Sachliteratur. Aber wer kennt die Bibliothek überhaupt? Um sie etwas bekannter zu machen, stellen wir nun monatlich unser „Buch des Monats“ vor – gelesen von ComeIN’lern für euch. Den Anfang macht der dritte Teil der Krimiserie von Jan Stressenreuter:

Jan Stressenreuter: „Aus Wut“

Eine brutale Mordserie erschüttert Köln. Der Täter ist ein Profi und hinterlässt keine Spuren, allein durch Post-it-Notizen lässt er vermuten, dass er auf einem Rachefeldzug ist und noch weitere Morde folgen werden, die Kommissare des MK3 um Kommissarin Maria Plasberg tappen völlig im Dunkeln. Kommissar Torsten Brinkhoff ist von seinen verheerenden Verstrickungen im Abschluss des letzten Falls psychisch angeschlagen und die blutige Präsentation der Leichen lässt selbst die kratzbürstige Kommissarin Plasberg nicht unberührt. Der Polizeipräsident schaltet sich ein und der politische Druck lässt die Polizei auf Hochtouren ermitteln, was die Qualität der Ermittlungen einzuschränken droht.

Daneben haben beide Hauptcharaktere auch mit privaten Problemen zu kämpfen: die alleinerziehende Plasberg muss nicht nur damit zurechtkommen, dass ihre Kinder ihre Mutter selten sehen und viel auf sich allein gestellt sind, sondern auch wiedermal die Verwicklungen der Mordfälle hautnah mitbekommen, und der gerade mit seinem Freund zusammengezogene Brinkhoff merkt, wie die Beziehung unter den unwägbaren Arbeitszeiten, die sein Beruf zwangsläufig mit sich bringt, zu zerbrechen scheint.

In Plasbergs drittem Fall prasselt ein kontinuierliches Trommelfeuer von Ereignissen, wie es Brinkhoff überaus treffend erscheint, auf die Mitarbeiter des MK3 ein und Stressenreuter schafft, den Leser in diesen Rausch mit hinein zu ziehen. Kaum gelingt es, das Buch zur Seite zu legen. Durch einen der chronologisch berichteten Ermittlung beigefügten zweiten Erzählstrang, dessen Bedeutung sich erst am Schluss erschließt, wird die Spannung zusätzlich gesteigert, doch dabei lässt vor allem der aus den früheren Episoden bekannte zynische Witz Plasbergs die Geschichte nicht allzu düster werden und lockert die Brutalität der Morde angenehm auf.

Der 2011 im QuerVerlag veröffentlichte Roman ist ein Muss für jeden Krimifan und das beste Mittel gegen die Melancholie des Herbstnebels (oder auch die Langeweile beim Spätsommerlichen Sonnenbaden).

Mia Maulwurf